Unternehmenskennzahlen zur Aktienanalyse

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Unternehmenskennzahlen zur Aktienanalyse

21 Kennzahlen in 5 Kategorien — mit Formel, Interpretation und konkreten Richtwerten für fundierte Anlageentscheidungen.

„Preis ist, was du zahlst. Wert ist, was du bekommst.“— Warren Buffett

Fundamentalanalyse — der Ausgangspunkt

Was ist Fundamentalanalyse?

Die Fundamentalanalyse bewertet Unternehmen anhand wirtschaftlicher Kennzahlen aus Bilanz, GuV und Cashflow-Rechnung. Ziel: den inneren Wert einer Aktie ermitteln und vergleichen, ob der Marktpreis fair, günstig oder überteuert ist.

Wie diese Seite aufgebaut ist

Jede Kennzahl zeigt Formel, Erklärung und Richtwerte für drei Szenarien: gut — fair — kritisch. Die Richtwerte sind branchenabhängig und als Orientierung zu verstehen, nicht als absolute Grenze.

Richtwerte basieren auf globalen Benchmarks (S&P 500, MSCI World) — Tech-Werte handeln systemisch höher, Banken systemisch niedriger.

01

Bewertungskennzahlen

Wie fair ist der aktuelle Kurs im Verhältnis zu fundamentalen Unternehmensgrößen?

Kurs-Gewinn-Verhältnis
Price-to-Earnings (P/E · KGV)
Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie (EPS)
Wie viel zahlt der Markt für 1 EUR Unternehmensgewinn. Meistgenutzte Bewertungskennzahl weltweit. Vergleich immer innerhalb derselben Branche.
Gut: <15xFair: 15–20xTeuer: >20x

Kurs-Buchwert-Verhältnis
Price-to-Book (P/B · KBV)
Aktienkurs ÷ Buchwert je Aktie
Vergleich von Marktbewertung mit bilanziellem Eigenkapital. Besonders relevant bei Banken, Versicherern und kapitalintensiven Branchen.
Gut: <1,0xFair: 1–2xTeuer: >2,0x

EV/EBITDA
Enterprise Value to EBITDA
Enterprise Value ÷ EBITDA
Beliebteste M&A-Bewertungsmetrik. Unabhängig von Kapitalstruktur und Steuersystem — ideal für internationalen Branchenvergleich und Übernahmeanalysen.
Gut: <8xFair: 8–12xTeuer: >12x

EV/Umsatz
Enterprise Value to Revenue
Enterprise Value ÷ Jahresumsatz
Relevant für wachstumsstarke Unternehmen ohne Gewinn (z.B. SaaS, Tech). Zeigt, was der Markt pro Euro Umsatz zu zahlen bereit ist.
Gut: <1,0xFair: 1–2xTeuer: >2,0x

PEG Ratio
Price/Earnings-to-Growth
KGV ÷ jährl. Gewinnwachstumsrate (%)
Korrigiert das KGV um die Wachstumsrate. Wachstumsaktien mit hohem KGV, aber schnellem Gewinnwachstum können trotzdem günstig sein.
Günstig: <1,0Fair: 1–2Teuer: >2,0

Kurs-Umsatz-Verhältnis
Price-to-Sales (P/S · KUV)
Marktkapitalisierung ÷ Jahresumsatz
Nützlich wenn keine Gewinne vorhanden. Kann manipulationsresistenter als KGV sein, da Umsätze schwerer zu glätten sind als Bilanzgewinne.
Gut: <2xFair: 2–5xTeuer: >5x

02

Rentabilitätskennzahlen

Wie effizient erwirtschaftet das Unternehmen Gewinne aus eingesetztem Kapital und Umsatz?

Eigenkapitalrendite
Return on Equity (ROE)
Jahresüberschuss ÷ Eigenkapital × 100
Zeigt, wie profitabel das Management mit dem Eigenkapital der Aktionäre arbeitet. Buffetts Lieblingsmetrik — er sucht dauerhaft >15% über einen Konjunkturzyklus.
Gut: >15%Fair: 10–15%Schwach: <10%

EBITDA-Marge
EBITDA Margin
EBITDA ÷ Umsatz × 100
Operative Ertragsstärke vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Zeigt die Profitabilität des Kerngeschäfts unabhängig von Kapitalstruktur und Steuereffekten.
Gut: >20%Fair: 10–20%Schwach: <10%

Nettomarge
Net Profit Margin
Jahresüberschuss ÷ Umsatz × 100
Wie viel Gewinn verbleibt nach allen Kosten pro Euro Umsatz. Hohe Nettomargen signalisieren Preismacht — ein starkes Indiz für einen wirtschaftlichen Burggraben.
Gut: >15%Fair: 5–15%Kritisch: <5%

03

Wachstumskennzahlen

Wie schnell wächst das Unternehmen — und ist dieses Wachstum nachhaltig und profitabel?

Umsatzwachstum
Revenue Growth (YoY)
(Umsatz aktuell − Umsatz Vorjahr) ÷ Umsatz Vorjahr × 100
Primäre Wachstumsmetrik. Wichtig: Wachstum muss profitabel sein — reines Umsatzwachstum auf Kosten der Marge ist kein Qualitätsmerkmal.
Stark: >15%Solide: 5–15%Schwach: <5%

Gewinn je Aktie (Wachstum)
EPS Growth (YoY)
(EPS aktuell − EPS Vorjahr) ÷ EPS Vorjahr × 100
Zeigt, ob das Unternehmen profitabler wird — nicht nur größer. EPS-Wachstum durch Aktienrückkäufe ist weniger nachhaltig als durch operative Verbesserungen.
Stark: >15%Solide: 5–15%Schwach: <5%

Free-Cashflow-Wachstum
FCF Growth (YoY)
(FCF aktuell − FCF Vorjahr) ÷ FCF Vorjahr × 100
Aussagekräftiger als EPS-Wachstum, da Cashflow schwerer zu manipulieren ist. Unternehmen mit dauerhaft wachsendem FCF schaffen langfristig den größten Aktionärswert.
Stark: >15%Solide: 5–15%Schwach: <5%

04

Finanzkraft & Verschuldung

Wie solide ist die Bilanz? Kann das Unternehmen Krisen, Zinsanstiege und Rezessionen überstehen?

Eigenkapitalquote
Equity Ratio
Eigenkapital ÷ Gesamtkapital × 100
Anteil der Eigenfinanzierung am Gesamtkapital. Hohe Eigenkapitalquote bedeutet größere Krisenresistenz und Unabhängigkeit von Fremdkapitalmärkten.
Solide: >40%Akzeptabel: 25–40%Kritisch: <25%

Gearing Ratio
Net Gearing
(Finanzschulden − Liquidität) ÷ Eigenkapital × 100
Nettoverschuldungsgrad — zeigt wie stark das Unternehmen auf Fremdkapital angewiesen ist. Negative Werte (Net Cash Position) sind das Ideal.
Gut: <50%Fair: 50–75%Kritisch: >75%

Nettoverschuldung / EBITDA
Net Debt to EBITDA
Nettoverschuldung ÷ EBITDA
Kernkennzahl für Kreditwürdigkeit. Zeigt, wie viele Jahre operativer Gewinn zur vollständigen Schuldenrückzahlung benötigt würden.
Gut: <2xFair: 2–3xKritisch: >4x

05

Cashflow, Markt & Risiko

Wie viel Cash generiert das Unternehmen wirklich — und wie verhält sich die Aktie gegenüber dem Markt?

Kurs-Cashflow-Verhältnis
Price-to-Cash-Flow (P/CF)
Marktkapitalisierung ÷ Operativer Cashflow
Robustere Alternative zum KGV, da Cashflow schwerer zu manipulieren ist als der Bilanzgewinn. Besonders aussagekräftig bei Unternehmen mit hohen Abschreibungen.
Günstig: <10xFair: 10–15xTeuer: >15x

Free Cashflow
Free Cash Flow (FCF)
Operativer Cashflow − CapEx
Das echte Geld — was nach allen Investitionen übrig bleibt. FCF ist die Basis für Dividenden, Aktienrückkäufe und Schuldenabbau. Wichtigste absolute Cashflow-Metrik.
Positiv & wachsendPositiv, stabilNegativ (>2 Jahre)

Beta
Beta (Markt-Sensitivität)
Kovarianz(Aktie, Index) ÷ Varianz(Index)
Misst die Kurssensitivität gegenüber dem Gesamtmarkt. Beta >1 = volatiler. Beta <1 = defensiver. Relevant für Portfolio-Risikosteuerung.
Defensiv: <1Wachstum: 1–1,5Spekulativ: >2

Marktkapitalisierung
Market Capitalization
Aktienkurs × Anzahl ausgegebener Aktien
Gesamtmarktwert aus Aktionärsperspektive. Klassifizierung: Small Cap (<2 Mrd. EUR), Mid Cap (2–10 Mrd.), Large Cap (>10 Mrd.).
Large Cap: stabilMid Cap: WachstumSmall Cap: Risiko ↑

Unternehmenswert
Enterprise Value (EV)
Marktkapitalisierung + Nettoschulden + Minderheiten
Der vollständige Übernahmepreis — was ein Käufer tatsächlich zahlen müsste, inklusive aller Schulden und abzüglich der Kassenbestände.
EV < Markt-CapEV = Markt-CapEV &gg; Markt-Cap

Dividendenrendite & Payout
Dividend Yield & Payout Ratio
Dividende je Aktie ÷ Aktienkurs × 100
Laufende Ausschüttungsrendite. Payout Ratio (Dividende ÷ EPS) zeigt Nachhaltigkeit — über 75% ist gefährdet. Kombination aus Yield und Dividendenwachstum entscheidend.
Yield: >3%Payout: <50%Payout: >75%

Wachstums- vs. Value-Aktien: Was zählt wann?

Je nach Anlagestil unterscheidet sich die Gewichtung der Kennzahlen erheblich.

Wachstumsaktien
Umsatzwachstum>15% p.a.
EPS-Wachstum>15% p.a.
PEG Ratio<1,0 — KGV relativ zum Wachstum bewertet
EV/Revenue<5x (für frühe Wachstumsphase akzeptabel)
FCF-Wachstum>20% — wichtiger als aktuelle Marge
EBITDA-Marge (Trend)Verbesserung über Zeit entscheidend
Beta1,0–2,0 — höhere Volatilität akzeptiert

Value-Aktien
KGV / KBV<15x / <1,5x — günstig vs. Branchenpeer
EV/EBITDA<8x — Kernanforderung
Eigenkapitalrendite (ROE)>15% dauerhaft über den Zyklus
Net Debt/EBITDA<2x — solide, krisenresistente Bilanz
Dividendenrendite>3% — laufender Cashflow für Anleger
Free CashflowPositiv & stabil über min. 5 Jahre
Beta<1,0 — defensive Positionierung

Kennzahlen allein entscheiden nicht

Zahlen sind Ausgangspunkt, nicht Endpunkt. Erst das Verständnis des Geschäftsmodells, des Managements und des Wettbewerbsumfeldes macht aus Kennzahlen echte Anlageentscheidungen.

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